Zugfamilie

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-11/2019 :  “Zugfamilie”

- Ein Gastbeitrag von S.Pietsch

Beide sahen sportlich aus, wobei der eine viel schmaler und kleiner war. Jeans, Sneaker, Daunenweste und darunter ein Kapuzenpulli. Schicke Farben. Im Vorbeirennen drehte sich der größere von beiden lächelnd und mit freundlich aufgerissenen Augen zu ihr um.

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Immerhin war klar, dass alle auf diesem Bahnsteig sich in die Richtung des gleichen Gleises, das etwas außerhalb des Bahnhofs lag, bewegten. Die Bahnhofsuhr zeigte 19:07 und 19:09 war Abfahrt. Sie liebte Bahnhofsuhren. Sie waren selten kaputt, gut ausgeleuchtet und vermittelten Klarheit: Zug noch da oder Zug weg. Zwei Minuten für die letzte Ecke waren locker zu schaffen.

Photo: F.Schacht

Das Gerenne übertrug sich und sie trabte immer schneller den Bahnsteig entlang. Um die Ecke natürlich fast mit einem zierlichen, bonbonfarbenen Tamilen kollidiert, den sie resolut zur Seite schubste – lieber ihn als die Tamilin. Der Zug stand wie immer schon und die beiden Männer waren nicht mehr zu sehen.  

Photo : F.Schacht

Das erste Abteil war bereits voll, aber sie hatte keine Kraft mehr, weiter vorne nach einem leeren Viererplatz zu suchen. Sie wählte einen Platz mit Blick auf das Erste Klasse Abteil, in dem es noch zwei freie Viererplätze gab, die anderen beiden Viererplätze waren wie üblich von je einer Person belegt.

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Ihr Sitznachbar atmete noch schneller als sie; der Brustkorb hob sich, senkte sich, hob sich, senkte sich. Gleichzeitig entledigte er sich seines Schals, in dieser schönen, kreisenden Bewegung, für die es kein Wort gibt. Die Weste musste auch noch weg. Und die Mütze. Diagonal streckte er sich an ihr vorbei, um alle Kleidungsstücke auf die Gepäckablage zu legen. Ihr Atem beruhigte sich und sie überlegte, zumindest ihren Schal abzulegen oder den Mantel zu öffnen. Aber eigentlich ging es auch so und ihr war gar nicht so warm. Viel schöner war das Atmen, fast wie eine Meditation. Alles in ihr war so langsam. Ihr Gegenüber war der jüngere von den beiden und da er auf seinem Handy im Schoß ein Spiel verfolgte, konnte sie ihn genau ansehen. Als erstes fielen die perfekten Wimpern auf, nicht ganz schwarz, aber dicht, lang und nach oben gebogen. Eine kantige Kinnlinie wie für eine Porträtskizze, die doch kurvig war und die sich in der Form seiner Nase widerspiegelte. Um diese Harmonie zu zerstören, hatte er seine Nasenscheidewand mit einem Ring durchbohrt. „Guck mal“, dachte sie jetzt zum ersten Mal, „wie findest du eigentlich diesen Nasenring?“. Sie hatte mit ihrem Sitznachbarn ohne es zu merken eine mentale Einheit geschaffen. Seine Hände auf dem Display waren eher zierlich und sauber. Er hatte zwar seine Augen ausschließlich auf seinem Handy, aber seine Finger reagierten nur manchmal; ein ziemlich ruhiges Spiel.

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„Er könnte unser Sohn sein und wir müssten uns um ihn kümmern.“ Auf seiner schwarzen Mütze stand in weißen Blockbuchstaben „AWESOME“. Die großen Kopfhörer hielten die Mütze am Platz; unter dem Bügel war ein langes helles Haar eingeklemmt, das sich von dem Schwarz der Mütze abhob. Das Spiel schien doch nervenaufreibend zu sein, denn er begann mit einem Finger etwas auf seiner Stirn aufzukratzen. „Lass das doch.“ Am liebsten hätte sie seine Hand von der Stirn weggeschlagen. Wenn er fertig mit Kratzen war, zog er seine beschriftete Mütze wieder tief in die Stirn. Sie schloss die Augen. Wenn er nicht kratzte, studierte sie weiter sein Gesicht. Einmal änderte sie ihre Beinhaltung und berührte versehentlich seinen Fuß. Er schaute groß auf, als ob er erwartete, sie wollte etwas Bedeutendes zu ihm sagen. Sie hätte sich gerne zu ihrem Sitznachbarn umgedreht, um zu sehen, ob die beiden sich ähnlich sahen. Sie stiegen wie eine richtige Familie alle bei der gleichen Haltestelle aus. Als sie aufstand, merkte sie, dass sie doch irgendwann ihren Mantel geöffnet hatte. Um nicht zu stören, legte sie ihr Gepäck auf einem freien Sitz ab und schloss ihren Mantel. Ihr Sitznachbar blieb höflich hinter ihr im Gang stehen und sie drehte sich um, um nun doch einmal sein Gesicht sehen zu können. Die großen freundlichen Augen schienen zu sagen „Ich habe dich gehört.“…

Photo by Fabrizio Verrecchia on Unsplash

 

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